Reflektionen als Zuschauerin.

Text:

ART GIRLS, 2013, Regie: Robert Bramkamp

 

Kunst-Sci-fi, -Realismus oder digital-realistisches Märchen der Kollektivität? 

Jede Erzählung ist eine Fiktion an sich. Und in Robert Bramkamps Film Art Girls muss um jeden Preis erzählt werden! - Nicht allein, mehr-dimensional, und zu dem, was möglich wird,.

 

Es geht in dem Film Art Girls nicht nur um Kunst-Frauen, sondern um kollektives erzählen, mehrschichtiges, filmisches Erzählen und visionäres Erzählen Wobei erstes und letzteres die Klammer bilden durch die die Ge-Schichtungen verwoben werden.

Primär geht es in Art Girls an einem Beispiel, um eine im Leben angekommene Frau im entspannten Katastrophenzustand: Trennung, Kunstalltag ohne Galerie und Geld, - Glamour gibt es nur bei der Freundin. Die Katastrophenfrau mit Potenzial erweckt den gelähmten Kurator, den sie auch braucht um an Geld und Liebe zu geraten und so entspinnen beide Kurator und liebenswerte Katastrophenfrau, eine Ausstellung während die Freundin dabei zur Katastrophen-Künstlerin wird und zur Konkurrentin. Peter, der Kurator, ist scheinbar ein Alter Ego der Erzählung der in Liebe zu der Künstlerin Nikita Neufeld entbrannte, der Katastrophenfrau. Die Antagonisten dazu gibt es ebenso im Doppelpack, als Spiegelungen der Charaktere: Der kühle Laurens und eben die Katastrophenkünstlerin und Freundin Una. Die kollektive Erzählung, verdoppelt, aber auch, die erkennenden, vorausschauenden Erzähler_innen, sie müssen warten, damit ihr Werk wirkt, das Gute das Böse überwindet an der Selbst-Erkenntnis, zu wissen wo man ist. Eigentümlich ist dabei die Rolle des Kindes, der Nichte Nikitas oder gar der Kinder. Das Unbewusste und das sich erkennen in Orten „ Sie weiß noch nicht wo sie ist“ - und die kollektive Freude auslösende Code am Ende: „Kontakt ist“.

 

Was aber genau machen Bramkamps Frauen-Figuren im Film? - Zunächst einmal haben sie kontinuierlich einen schwachen Startpunkt in seinen Filmen. Schon in seinem Film Gelbe Sorte von 1987 zum Beispiel sieht man eine junge kluge Frau, die aber beständig im Schatten der Männer steht und irgendwie keinen eigenen Text spricht, bis zu letzt wo sich sich als Schauspielerin bewirbt mit einem Text von Kleist. Erst am Ende des Films macht sie sich frei und fährt mit dem Auto in ihre Zukunft, den Schlüssel hierfür gab natürlich der liebende Freund. In Art girls entwickelt sich die Hauptakteurin Nikita Neufeld aber - glücklicherweise Bramkamp geht einen Schritt weiter - an Hand und innerhalb der Erzählung, So sagt ihr die Freundin auf den Kopf zu, sie brauche einen Kurator, der sie liebt, und ihre Kunst in die Welt einführt bekommt die Geschichte plötzlich ein zufällig ernannter Kurator, mit und an dem Nikita gesehen wird und ihr Selbstbewusstsein steigern kann, allerdings hauptsächlich am männlichen Anderen, der sie stützt, auch wenn sie sich allein und dann mit ihm später über die eigene Freundin hinwegsetzen muss. Einmal wird diese Entwicklung durch eine Geständnis einer Künstlerin (Fiona) verstärkt oder sogar abgelöst, es dauert aber noch bis es zur eigentlichen Kunst-Vereinigung kommen kann, der Verbindung aus Kunst und Begriff – Kurator und Künstlerin mit dem Artgate, das wie eine Geburtsort erscheint. 

 

Hier, in und an diesem Film, passiert etwas, das an die letzte Szene in Wim Wenders Film „ Der Himmel über Berlin“ passiert, in Wenders Film bilden die beiden Protagonisten am Seil geometrische Kunst-Figuren in Liebe und Verbindung zueinander. - In R. Bramkamps Film führen solche Kunst-Figuren, Bildnisse und Ereignisse durch den Film, viele der sehr spannenden Kunstwerke sind von der Co-Produzentin und Künstlerin und Ehefrau des Filmemachers: Susanne Weirich. Dies wirkt einerseits wie ein Werkverzeichnis, aber auch wie eine Liebeserklärung als Vision, transformiert n digitalen Film. Die im Film gezeigten Kunstwerke, auch solche von spannenden namens-werten Künstlern, zum Teil auch aus der Hamburger Sammlung Harald Falckenberg müssen sich aber strengstens durch eine Handlung legitimieren, und können nur in einer bestimmten Logik der Erzählung im Film auftauchen, die direkt durch den Berliner Kunst-Markt führt. Digitale Kunst hat Vorrang. Die eigentlicheKunst im Film sind jedoch die digitalen Überraschungen, die als Zukunftsvision heraufkommen.... filmische Spezialeffekte., wie das Artgate an sich; bei dem darauf auftauchend Laurens, der in der Pfütze verharrt und so an den fallenden Papst von Maurizio Cattelan erinnern mag oder die Pop-Elemente von Gilbert und Georg andere Filmdimensionen und Inhalte eröffnen als Art-“Sprech“ im Film. Es werden alle wichtigen Kunstmeilensteine mit Filmbezug genannt und zitiert: Frankenstein, King Kong, bis hin zu Godard´s Week-End in rasanten Crashs, in künstlerischen Video-Installationen als Zitate von Zitaten in das Geschehen eingebaut...wie eine künstlerische Ableitung vom Original. 

 

Es geht in Bramkamps Film also auch und vor allem um die Kunst, und insbesondere solche, die auf die Natur einwirkt, die zur Potenz derConnectionvon Individuen miteinander wird. Eigenartig wie sich im Bildschirmschoner eines erzählend verbündeten hier sich schon das nächste filmische Unterfangen Bramkamps ankündigt:und in den Film Art Girls bildlich gesehen hineindrängt, nämlich der tatsächlich erweiterte kollektiv erzählte Film „Dazu den Satan zwingen“ - das macht den Film Art Girls zur Vision und nicht nur an Hand seiner Frauenfiguren, sondern intertextuell, in kollektiver Praxis. Wie eine wundersame Formel die sich einprägen soll, die ständig wiederholt wird im Film. - All das ist noch nicht der Film, die Erzählung, die empfiehlt sich selbst anzuschauen. Entgegen mancher Stimmen: Der Film kam nicht zehn Jahre zu spät, er ist noch zu früh! Die Kollektivität verkauft sich noch nicht so gut wie Kunst, obwohl alles und jeder von ihr durchdrungen ist. Darum geht es in Bramkamps Film kollektive Erzählung sichtbar zu machen. 

Dieser Film ist ein „Werk“! Ein sehenswertes, digitales und geistiges Werk – eine künstlerische Geometrie der Liebe. Bitte mehrmals anschauen, es kann sein dass es Wiederholung braucht, damit die anspruchsvolle, weit vernetzte Kunst Robert Bramkamps Wirkung zeigt – auch und vor allem im realen Leben.